Mini-Fusion im Nachbarland

Dass die Deutschen in Sachen Party etwas verklemmt sind, ist ja nichts Neues. Neues im Allgemeinen verunsichert gar. Schuster bleib bei deinem Leisten, Deutscher bei deinem Dorffest – da bekommst du was du willst und brauchst: Tradition!

Nun gibt es aber auch die Möglichkeit, Traditionen zu brechen oder neu zu inszenieren. Beispiel Fusion: Weltoffene alternativ gestimmte Menschen tragen zusammen, was sie in fernen Ländern erlebt haben, erschaffen eine neue Welt, wenn auch nur für wenige Tage. Eine Welt fern jeder herkömmlichen Tradition, mit eigenen Regeln, eigenem Schönheitsideal, eigener Kultur. Sprache wird in den Hintergrund verdrängt, alle anderen Sinne kommunizieren – und Musik verbindet. Amüsant fremd klingende Wortverflechtungen und Strukturen verunsichern etwas, doch man versteht sich immer irgendwie, ja es kann sogar regelrechte Konversation aufkommen!

Scheut euch nicht, mal die eigenen Schranken zu durchbrechen. Es ist immer ein Erlebnis! Und schließlich muss man doch den Enkeln auch was erzählen können.

Das haben sich wohl auch ein paar Verrückte in Holland gedacht und das Sourcefestival aus der Taufe gehoben. Ein kleines Festival, im limitierten Besucherrahmen, vom Flair vergleichbar mit unserem heimischem House of Summer oder dem Nachtdigital am andern Ende des Freistaates. Eine beschauliche Wohlfühlathmosphäre, liebevoll geschaffen von engagierten Leuten.

Im Winter gibt’s die Winterversion ‚Source on Ice‘ und eure rasende Reporterin hat sich das mal genauer angesehen. Obwohl vom Konzept her ähnlich, ist es hier viel bunter. Ob die Holländer diesen Mut zur Farbe aus Trotz zum dunkelgrau behafteten Wetter wagen, sei dahingestellt.

Das Festival ist eine große Motto-Party. Dieses Jahr war nun Russland dran. Und über den Kommunismus schlagen wir den Haken zur Fusion – tadaaa! Die Symbolik eindeutig, der Menschenschlag ähnlich durchmischt und eine Aufmachung aufsehenerregender als die andere. Da hoppelt ein pinkfarbener Hase durchs Bild, dort betreiben Schneemänner Sumoringen unten den scharfen Augen der russichen Zarenschaft und auf der Tanzfläche tummeln sich in Pelz gekleidete Mädels. Bugs Bunny schwänzelt um Rasputin herum, Matruschka steht daneben während Atomkraftwerkmitarbeiter Heliumluftballons verteilen. Derweil macht sich ein Skilangläufer fertig für den Endspurt.

Auch ich leistete meinen Beitrag zum Thema – so war ich heute mit russischem Antikobjektiv unterwegs. An Motiven und Farben war alles vertreten.

Einige durch aktuelle Medien Geprägte nutzen die Gunst der Olympiastunde um sich als selbst als Wintersportler darzustellen. Der Trend geht eindeutig zur Skibrille.
Ja, es gab sogar einen Live-Rekord der International Icecube Chewing Federation!

Natürlich ging es aber hauptsächlich um Musik! Und die war durchweg auf hohem Niveau. Im großen Zirkuszelt legten Dollkraut und Bert de Roij ein schönes Einsteigerset hin, brachten die übersichtliche Menge zum Tänzeln. Eine gute Vorlage für Steffen Bennemann, der zu einer für ihn ungewöhnlichen Zeit in ungewohnter Umgebung spielte, sein Ding aber sehr gut machte. Begann er auch verhalten, so wusste er das zum Ende seines Sets das Russenvolk im brechend vollen Zelt ordentlich zum Ausrasten zu bringen.

Lichteffekte und großartige Visuals ergänzten die Klangwelt sehr gekonnt. Ich bin immer noch begeistert!

An dieser Stelle muss ich das mit dem Ausrasten doch noch relativieren. In Holland feiert man etwas verhaltener. So bunt und verrückt auch alle waren, die Stimmung köchelte eher, als dass sie übersprudelte. Hab mich ja kaum getraut zu pfeifen, aber ich konnt dann irgendwann doch nicht anders. Kurz bevor der Bass reinknallt muss der Pfiff sitzen, das gehört dazu, dann bin ich in der Musik angekommen :)

Vielleicht sind die Einheimischen auch einfach nur zuuuuuu entspannt für exzessive Feierei. Zu lange vorm Coffeeshop gestanden vielleicht (ja, es gibt auch hier teilweise Rauchverbot in Lokalen), oder war es noch zu hell draußen. Es war auf jeden Fall zu beobachten, dass sich der Aktivitätsgrad entgegengesetzt proportional zum Tageslicht entwickelte. Oder direkt proportional zum Alkoholpegel. Man weiß es nicht. Die Stimmung wurde jedenfalls immer besser, je schlechter das Wetter wurde!

Im Paperdome, einem kuppelförmigen Gebilde, das in der Vorwoche noch als Puppentheather herhielt, war die Musik etwas experimenteller. Gebrochene Rhythmen, geniale Spielereien. Leider gab’s das nur zu Beginn zu erleben. Mit vorrückender Stunde jedoch wurde es mir hier zu housig (auch wenn das grad wieder Trend wird) Hervorheben möchte ich aber die Liveacts, auch wenn deren Musik nicht mein Herz erobern wollte.

Aber es gab ja auch genug anderes zu sehen. Langeweile kam nicht auf. Auch die Verpflegung war erstklassig. Bezahlt wurde in Chips, wie es eben für Holland üblich ist. Passt ja auch zum Thema. Wenn wir schon eine eigene Welt erschaffen, dann bitte auch mit eigener Währung.

Im Russisch Staatscircus hatten inzwischen Supermayer übernommen. Michael Mayer und Superpitcher lieferten ein unglaubliches Vierstundenspektakel ab.
Später sollten noch Jackmate und Pitto übernehmen, auch eine Aftershowparty wurde beworben, soll wohl auch nochmal richtig gut gewesen sein.
Aber naja, die Auskehranne hat dann lieber Feierabend gemacht. Das Wochenende ist zum Erholen da und ich hatte Urlaub. Ausreden gibt es derer gar viele.

Musikalisch auf jeden Fall ein leckeres kleines Eintagesfestival. Schade nur, dass das Wetter so gar nicht mitgespielt hat. Da lob ich mir aber derartige Prepaid-Partys! Es gibt keine Abendkasse, bezahlt ist eh schonmal und was man dann draus macht, das bleibt jedem selber überlassen.

>>> sourcefestival.nl


Autor: Anne
Das könnte Dich auch interessieren:

95 queries. 0,554 seconds.