Digital-DJing – Ein Erfahrungsbericht

Vor weit über einem halben Jahr habe ich den Schritt zum Digital-DJing gewagt. Vorher hatte ich gezögert und war hin- und hergerissen zwischen vertrauter Vinylhandhabe und den Vorteilen des Software-basierten DJ-Sets. Jetzt, gut acht Monate und viele ausgiebige Tests auf Partys und zuhause hier ein Fazit.

Vorab. Als System habe ich mich für Traktor Scratch Pro entschieden. Der Aufbau des Settings am Bildschirm sagte mir hier am meisten zu. Die Erfahrungen dürften aber leicht auch für andere Systeme gelten.
Auf das Digitalisieren vorhandener Vinyls habe ich verzichtet.
Die Software lief während des gesamten Zeitraumes übrigens stabil.

DER ANFANG
Die Vorteile des Digital-DJings
erschließen sich schnell. Sämtliche Promos (die ja mittlerweile fast ausschließlich digital kommen) finden nun ihr wohlgeordnetes Plätzchen auf dem Rechner und müssen nicht mehr mühsam auf CD gebrannt werden. Selbiges gilt für Pre-Releases, deren Vinylveröffentlichung sich meist um Monate hinziehen. Die unruhig stimmende Frage vor jedem Auflegetermin, ob denn auch CD-Player für die gebrannten CDs da wären, entfällt somit. Und so sammelt sich schnell eine gewaltige Vielfalt an Musik an, auch weil ein Track zwischen einem und drei Euro immer noch ein Bruchteil dessen kostet, was man für eine Vinyl aus den UK mit selbigem Track berappen müsste.

Das birgt einerseits den Vorteil, dass man auf jeder Party für alles gewappnet ist. Andererseits hatte ich meine besten Gigs gerade immer dann, wenn ich aus der Einschränkung heraus spielen musste; heißt: zu wenige oder die „falschen“ Platten eingepackt hatte.

HELFERSOFTWARE
Die Software macht es gerade Unbedarften sehr leicht. Ein wichtiger Pfeiler ist hierbei der BPM-Zähler. Während des Abspielens oder einer manuellen Voranalyse, werden bei den Tracks die Geschwindigkeiten angezeigt. Gut, wenn man sich am Pult wieder mal verquatscht hat und es mal schnell gehen muss, schlecht, weil die Versuchung naheliegt, sich daran zu gewöhnen und den Folgetitel nicht mehr nach Flow, sondern nach Geschwindigkeit auszusuchen. Hier ist Disziplin angesagt.

Andererseits stimmen die Zahlen sowieso nicht immer. Als gute Kontrolle dienen sie trotzdem und man freut sich diebisch, wenn beim Einmixen nach Gehör, die Geschwindigkeiten beider Platten bis auf zwei Stellen nach dem Komma genau sind. Wer damit immer noch seine Probleme hat, nutzt den magischen SYNC-Button, der jedem Trottel verhilft, astreine Mixings hinzubekommen … sofern er straighten Minimaltechno spielt. Denn sobald es vertrackter wird (Jackin, Electro, Breaks, Drum’n’Bass, HipHop usw.), versagt das Tool jämmerlich. Womit ich bei den Nachteilen wäre.

DIE NACHTEILE
Das erste, was man nach langjährigem
Auflegen vermisst, ist das Lesen der Vinyl. Der schnelle Blick aus dem Augenwinkel, an welcher Stelle die Scheibe gerade ist, wie lange sie noch läuft oder wann mit Einsatz des Breaks zu rechnen ist, bringt nichts mehr. Jetzt schaut man auf das Laptop-Display. Gut. Man kann hier den Track sehen, an welcher Stelle er ist und wie lange er noch läuft. Trotzdem ist es scheiße, nicht dorthin zu schauen, wo die Hände sind. Nämlich am Vinyl. Eine Änderung, an die ich mich nie so richtig gewöhnen werde.

Dann. Das schnelle Vordrehen der Platte. Ich habe mir angewöhnt die Nadel aufzusetzen und bis zur Stelle, die ich hören möchte, schnell vor- oder zurückzukreiseln. Das funktioniert im Gegensatz zu kurzen Distanzen (Scratching) mehr schlecht als Recht. Der Soft- und Hardware ist das nämlich zu schnell und sie verschluckt sich öfter. Besonders drastisch ist das am Beginn der Timecode-Platte zu merken, wenn man zum Anfang des Tracks zurückdrehen möchte oder bei langen Backspins.

ORDNERFREAKS
Ein weiteres Manko,
was aber eher an meinem Verständnis von Musik liegt: Ich merke mir den Inhalt der Platten an Layout, Beschaffenheit, Zustand und Farbe des Covers. So kann ich im Plattenkoffer gezielt nach Vinyls suchen und finde sie auch auf Anhieb. Mit Namen kann ich nicht viel oder nur wenig anfangen.
So stapeln sich nun in den angelegten Playlists bei mir die Ordner, Unterordner und Unterunterordner. Ein Chaos, wenn man viele Files hat, egal von welchem Ansatz her man Struktur reinbringen möchte. Klar kann man die Cover hinzufügen und die werden auch als Snippet in der Playlist angezeigt; aber ehrlich gesagt, aussagekräftig sind diese noch lange nicht. Die Suche hilft nicht viel, weil ich mich an die Musik zwar erinnern kann, nicht jedoch an den Namen, auch wenn man das mit der Zeit lernt.

Ein nicht zu verachtendes Problem, was das Auflegen mit Musikfiles nach sich zieht, ist die Musikauswahl. Wie oben schon erwähnt, sinkt bei den niedrigen Preisen die Hemmschwelle beim Kauf der Musik. Tracks landen im Einkaufswagen, die man als Vinyl nie gekauft hätte. Meistens merkt man dann doch, dass es Fehlkäufe waren und das betreffende Liedgut wird nicht mehr angefasst. Andererseits kann ich mir gut vorstellen, dass es doch DJs gibt, die diese Tracks dann doch spielen. Hat ja nunmal Geld gekostet…

PARTYEINSATZ UND FAZIT
Bleibt der harte Einsatz auf Partys.
Es gibt durchaus Locations, die bereits Traktor-vorbereitet sind. Laptop dran und fertig. Die Gigs in den anderen Locations (immer hin gut 99 Prozent ;-) ) arten jedoch in Arbeit aus. Inmitten tanzender Leute, wird dem gerade spielenden DJ vor der Nase herumgefummelt und im nebligen Halbdunkel eines Clubs die Audiokabelage an den Mixer gestöpselt. Danach ist man regelmäßig durchgeschwitzt, meistens steckt dann doch ein Kabel falsch und der DJ hat beim Mixing plötzlich kein Signal mehr auf einem Player. Prima.

Unterm Strich hat sich die ganze Packung Digital für mich nur halb gelohnt. Bei Spielzeiten von bis zu unter zwei Stunden, reite ich weiterhin ausschließlich mit Vinyls und CDs an. Alles was darüber liegt, entscheide ich je nach Laune. Die Platten sind trotzdem immer mit dabei, denn so bequem das Laptop-DJing auch erscheinen mag, man vergisst während dem Durch-die-Playlist-scrollen unbewusst das, weswegen man eigentlich da ist: Party zu machen. Und das geht verschanzt und von all den Tools abgelenkt hinter einem Laptop nicht so gut.


Autor: Daniel
Das könnte Dich auch interessieren:

92 queries. 0,446 seconds.