Was wird aus Vinyl?

Ich hatte nie mit dem Gedanken gespielt oder es je zu fragen gewagt; doch ich glaube, Vinyl wird als Handwerkzeug für den DJ langsam an Bedeutung verlieren. Nicht so langsam wie in den letzten Jahren, die Kurve nach unten wird steiler. Was schade ist, denn das Bestreiten eines Sets mit den schwarzen Scheiben hat eine gewisse Dynamik, für den DJ und für die Zusehenden. Das Eindrehen, das Lesen der Rillen, die Aufschluss über Geschwindigkeit, Breaks und Flächen geben oder auch irgendwie die Sammelleidenschaft in Zusammenhang mit der Haptik und dem kognitiven Speichern der Titel im Gedächtnis. Man merkte sich die Cover, nicht die Namen.

Die CD hat sich dahingehend nicht etabliert. Der Kompromiss mit dem, dem Plattenspieler nachempfundenden indirekten Kontakt war eher nur eine Krücke. Die Silberlinge sprunganfällig und nicht gefeit gegen Kondenswasser. Zudem musste man sich seinen Player öfter selbst mitbringen, denn ein Standard hat sich nie durchgesetzt und der, der es mit den Pioneer MKs hätte werden können, ist schlichtweg zu preisintensiv.

Dann kam der Schritt zum Digital-DJing, der in die richtige Richtung ging, zeitweilen aber noch an der fehlenden Einigkeit scheiterte. Jetzt: Serato Scratch und Traktor Scratch beherrschen den Markt. Ersteres eher im HipHop-Bereich, zweiteres im elektronischen und Chart-Sektor. So gehen HipHop-Clubs langsam dazu über, Seratovorbereitete Pulte bereitzustellen (passende Mixer gibt es ja) und andere wiederum Traktor-vorbereitete. Das hält die Kabelaction im dunklen Club in Grenzen. Laptop ran und gut ist.

faderfox_pr2009_DX2_side_1Solange das aber nicht zum Standard wird, ist das eine ebenso morsche Krücke, wie auch das CD-DJing. Vinyls packt man aus, ordnet sie kurz im Koffer und es kann losgehen, auch in der kleinsten Miniparty in der Provinz. Das Verkabeln eines Digi-DJ-Sets ist da aufwändiger und wehe man vertut sich mal mit den Strippen…

Der optische Aspekt kam beim Digital-DJ bisher auch noch etwas zu kurz. Blasse Gestalten beugen sich über den Laptop und kratzen in den Playlisten. Wer da mehr Bedienen will, kommt mit Tastaturkürzeln weiter. Nicht weit genug jedoch. Es gab Aufsätze, Auflagen, später der mehr schlecht als recht funktionierende Faderfox (Foto rechts) und jetzt der Traktor X1-Controller (Foto 2), der ds DJing endlich in eine neue Sphäre hebt.

traktor_kontrol_x1_grossDas Gefummel auf den kleinen Laptop-Tasten entfällt. Die Software bzw. alle nötigen und wichtigen Buttons lassen sich mit der „Verlängerung“ besser und intuitiver steuern. Der Zeitraum der schalen Blicke auf den Monitor wird kürzer, durch die Knöpfchendreherei kommt LIVE-Act-Feeling auf. Mehr Spaß für den DJ und auch für die Zuseher/-hörer. Die Timecodeplatten verstauben zusehends und lassen Platz für verbliebene echte Vinyls. Das Angleichen der Tracks übernimmt die Software (die im Vorfeld ein wenig trainiert werden möchte). Während der DJ sonst nur als Musikvorführer wahrgenommen wurde und gerade bei kurzen Titeln ausschließlich mit dem Eindrehen der Platten beschäftigt war, kann jetzt mehr getobt werden. Sets bekommen mehr Dynamik, DJs bekommen ein besseres Profil und unterscheiden sich mehr voneinander.

Der wichtigste Grund jedoch, weshalb Vinyl seine Hauptrolle verlieren wird, ist das Musikangebot. Damit meine ich nicht unbedingt die Fülle und Quantität der digital erhältlichen Tracks, auch nicht der Preis ist da ausschlaggebend (wobei es doch schon ein Vorteil ist, sich die Rosinen aus EPs und Alben rauspicken zu können). Vielmehr ist es das Erscheinungsdatum, welches ein Wörtchen mitzureden hat. Digital-Releases erscheinen mitunter bis zu acht Wochen vor der eigentlichen Vinyl-Veröfentlichung, sofern überhaupt eine geplant ist. Usus der Labels und Künstler ist es, zu Warten, ob es sich lohnt. Meistens tut es das nicht oder die Vinyl ist wegen zu geringerer Auflage kaum aufzutreiben. Größere Kontigente gibt es selten, zu hoch ist das Risiko des finanziellen Verlustes.

Dazu kommen die Promos der verschiedenen Labels. Diese flattern ausschließlich als für die Labels kostengünstiges Digital-Paket im Postfach an. Musste ich vor einiger Zeit den ganzen Kram auf CD brennen und hoffen, dass im Club ein vernünftiger Player da steht, werden die MP3s auf die Platte gezogen und fertig. Das geht mitunter so gut, dass noch paar Stunden vor dem Gig der Laptop mit passendem und frischem Material, direkt aus dem Posteingang bestückt wird.

Vinyls kaufe ich nur noch selten. Eher nur Alben aus Sammlerleidenschaft.
Dafür dass ich vor einiger Zeit noch so ein Vinyl-Verfechter war, stimmt mich das eigentlich traurig.
Aber wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen…


Autor: Daniel
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