Hurra, der Digi-DJ ist da

Sonntag, 2. September 2007 11:50 Uhr
Beitrag in Kolumne von Thilo 382

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Es war Ende der Neunziger nach einem Auftritt von Richie Hawtin im Dresdner Club Strasse E, der mit einem Laptop bewaffnet für eine Menge Diskussionsstoff sorgte. Streng abgeschirmt vom Normalvolk lancierte Hawtin ein Track nach dem Anderen, zerhackte altbekannte Beats, loopte Peaktime-Classics und das alles nur mit einem Laptop, Effektgeräten und zwei Plattenspielern. Keiner wusste von dieser Entwicklung und ahnte, was da auf die hiesige Clubkultur zurollen sollte. Die Verwirrung war groß.

Fast ein Jahrzehnt später datieren wir die Auflösung des Dresdner Rätsels und den Einzug des MP3-Djs, kurz Digi-Dj genannt, in die Clubs dieser Welt, ja auch Hochzeiten und Schulpartys werden mittlerweile artig mit den neuen Werkzeugen beschallt. Die Clubkultur ist tief zwischen Befürwortern und Gegnern gespalten und polemisch werden sich gegenseitig die Argumente zugeworfen. Wer in dieser Diskussion Recht behält, mag ich nicht zu beurteilen. Doch alle Argumente einmal anzusehen lohnt sich. Also Zeit für eine fast objektive Betrachtung.

Egal in welchem Club oder Bar wir uns mal wieder Rumtreiben, Computer und DJ-Software gehören mittlerweile genauso zur Clublandschaft, wie die Fußballstutzen der hippen Berliner Mitte-Schnitte oder das Louis Vuitton Imitat vom letzten Thailand-Urlaub. Final Scratch, Rane Scratch, Traktor Scratch – die Liste der Produkte und Hersteller von professioneller DJ-Soft- und Hardware wird jedes Jahr ein Stückchen länger und der Konkurrenz sei dank, können wir uns jeder Preis- und Qualitätsklasse wunderbar bedienen. Die Kinderkrankheiten, die früher in aller Regel nur durch Hochleistungs-Turbo-Laptops ab 1500 Euro zu beseitigen waren, gehören der Vergangenheit an. Alles läuft stabil und wunderbar. MP3-Shops an jeder Ecke und von den zahlreichen MP3-Labels ganz zu schweigen.

Die Vorteile eines solchen Systems liegen auf der Hand. Neben den ganz offiziellen Statements wie, digital DJing sei Bandscheibenvorfallprävention, kreative Mixmaschine oder einfach nur sexy, ist doch heutzutage ein fast einfacheres Argument der Grund für den durchschlagenden Erfolg des Filejockeys. Die Möglichkeit, den besonderen heißgeliebten Track im Köfferchen zu haben, sei es auch nur als MP3 oder gebrannt als CDR.

War doch jeder Local-Hero oder wie in meinem Falle auch Hinterwäldler verzweifelt auf der Jagd nach dem besonderen Vinyl gewesen, durchforstete stundenlang ebay, um dann letztendlich nach einer monatelangen Tortur endlich die gebrauchte und zerkratzte Brothers Vibe – Bang the Drum mit ihren eintausend Pressungen als Original in der Hand zu halten. Die Zeiten sind vorbei, zwei Klicks, eine Minute download und schwupp-di-wupp schnurpst der Beat schon durch die Boxen und am kommenden Wochenende über den Tanzfloor.

Jetzt kann jeder und auch ich an der immensen Dimension in Form zahlreicher digitaler Formate in Echtzeit an der Entwicklung elektronischer Tanzmusik teilhaben und via …Scratch auf die Tanzfläche bringen. Früher wurde die Musik des „it“-Djs eigentlich zum großen Teil durch das Verhältnis zu seinem Plattendealer bestimmt. Durch Online-Recordstores kann mittlerweile auch in Görlitz die Neueste, erst vor zwei Tagen in Nordamerika erschienene X-Platte gespielt werden. Gleiches Recht für Alle – Prima!

Man kann jetzt in dem Universum der MP3 Downloadportale a la Beatport oder Kompakt-MP3 oder Word and Sound seinen persönlichen Geheimvibe downloaden und demnächst im Club spielen. Großartig, wenn man bedenkt, welche Classic-Perlen im Netz so schlummern.

Das die Gegner allerdings auch berechtigte Argumente haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Konnte ich doch vor kurzem im De:Bug-Blog eine Notiz von PAC lesen, der die Körperhaltung des Digi-DJs während seiner Arbeit mit dem checken von Emails verglich. Na ja, dem muss ich mich teilweise anschließen. Vor kurzem bin ich im Club einem Digi-DJ begegnet, der die Zeit zwischen den Mixes mit teilweise sehr merkwürdigen Bewegungen überbrückte und dafür lediglich fragende Blicke des Publikums erntete. Also in Sachen Performance gibt es noch Nachholbedarf, der da heißt: „Ich übe das Auflegen jetzt vor einem Spiegel“.

Bleibt noch das schwerste Pfund in der Waagschale der erzkonservativen Vinylbefürworter: MP3 kills the vinyl industrie. Klären wir allerdings gleich einmal zum Anfang, dass die Vinylindustrie nicht gleich Club- und Musikkultur bedeutet und in dieser Argumentation tatsächlich für die meisten Missverständnisse in der Diskussion sorgt. Es ist eher die schier unendliche Flut zahlreich neuer emporschießender Labels und Künstler, die dem Markt und seinen starren Strukturen kräftig zusetzt.

Des Weiteren halte ich es für fragwürdig, ob es in anbetracht von 15 Mio. allein in Europa gepressten und verkauften Tonträgern aus Vinyl, übrigens so viel wie noch nie, so schlecht um alle bestellt ist? Fakt ist, auch kleinere Labels haben sich schneller umgestellt als man denkt und promoten mittlerweile auch ihre Tracks im Netz. Des Weiteren gibt es mittlerweile auch genügend Labels und Künstler, die ihre Tracks für das MP3-Buisiness sperren lassen. Namhafte Beispiele sind: Ricardo Villalobos oder Perlon, nach denen man fast verzweifelt in den Portalen suchen kann. D.h., Platten kaufen gänzlich einzuschränken wird auch in Zukunft nicht funktionieren und sollte die Gegner versöhnlicher stimmen.

Die Sammlerkultur ändert sich und man diskutiert nicht mehr über die Anzahl der Platten oder die Neuanschaffung eines Plattenregals, sondern mist zukünftig in der Größe der Festplatten, Prozessoren oder diskutiert über die Vor- und Nachteile von Windows oder OS X.

Mir ist es eigentlich egal, bei wem ich das Geld für die Musik abliefere, ob beim Plattendealer oder an ein MP3-Downloadportal – geht es doch in den meisten Fällen, abgesehen von dem Kaffee im Lieblingsplattenladen, doch nur um die Musik.

Bleibt am Ende neben den vielen schönen bunten Neuheiten folgendes festzuhalten. Erstens: Geile Vibes werden sich immer durchsetzen, denn fast alles DJs sind auf der Suche nach jenen. Zweitens: Die viel beschworenen Möglichkeiten eines solchen Systems werden bisher selten ausgenutzt und MP3-Tools dienen in der Vielzahl der Fälle doch nur dem Abspielen von Tracks. Drittens: Um mit den Worten von Richie Hawtin abzuschließen, der in einem Fernsehinterview einmal meinte, dass der schwierigste Weg eines DJs der zum Künstler sei. Wo er Recht hat, hat er Recht. Viertens: Und zu meinem Lieblingsplattenladen gehe ich trotzdem, schon wegen dem Kaffee und den zahlreichen Diskussionen. Es ist doch eigentlich alles beim Alten.

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