Muss man als Digital-DJ noch einpitchen können?

Gebeugt über einer Hälfte der Plattenkiste und in deren aufgefächerten Inhalt vertieft, fischt der DJ seinen Favoriten aus dem welken Cover, das schon mehr als einmal mit verschüttetem Bier Bekanntschaft gemacht hat. Routiniert balanciert er das schimmernde Schwarzgold zwischen den Fingern beider Hände, dreht es um 180 Grad, pustet kurz darüber und lässt das mittige Führungsloch auf das Gegenstück des Plattenspielers fallen.

Ein kurzer Blick über die tanzende Meute und auf die noch laufende Platte. Die erreicht in Kürze den Break, der gut im Schnittmuster der Vinylscheibe glitzert. Höchste Zeit für den nächsten Track. Die Nadel gräbt sich in die Rille und spuckt die eingravierten Töne in Richung Mixer, wo sie der DJ mit seinem Kopfhörern einfängt. Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand pressen sich auf die fingerabdruckverschmierte Oberfläche des Tonträgers, suchen den ersten Taktschlag, scratchen zwei drei Mal hin und her und lassen die Platte los.

Konzentriert lauscht der Musiker an der Kopfhörermuschel, bremst die augenscheinlich zu schnell laufende Platte ab und korrigiert mit dem Pitchregler die Geschwindigkeit. Dazwischen dreht er die Platte immer wieder zu ihrem Startpunkt zurück. Er benötigt den reinen Beat zum Mixen. Das macht er solange, bis die Takte beider Platten harmonieren. Passend zu den letzten basslosen Takten der noch spielenden Platte, mixt er durch ruckartiges Hochziehen des Faders am Mixer den dumpfen Bass des neuen Tracks in die laufende Musik. Die Masse johlt. Eine Weile lässt er die alte Platte noch laufen, gibt ihr noch einen kurzen Schubser, da sie droht aus dem Takt zu laufen und blendet langsam aus. Er nimmt die Platte vom Player, versenkt sie in ihrem Cover und sucht sich die nächste…

Muss man als Digital-DJ noch einpitchen können?

So oder ähnlich spielte sich ein DJ-Gig noch vor bis fünf Jahren ab. Diese Mix-Routine schult das Gehör, man macht sich mit Eigenheiten der Musikstile vertraut und geht dadurch auch souverän mit fremden Platten oder beatlosen Teilen eines Musikstücks um. Ein großer Vorteil, den keine DJ-Software innehat, denn trotz Auto-Grid und BPM-Messung, versagt der Sync-Button oft außerhalb von artig getakteten Techhouse- und Minimal-Schreiben, manchmal sogar schon bei solchen. Hier kommt das Gehör zum Einsatz und versierte Nutzer wissen, ob sie dem einzumixenden Track etwas mehr Schub geben oder die Geschwindigkeit drosseln, um den missglückten Sync-Versuch wieder in den Takt zu bringen.

Darum ist es ratsam, im stillen Kämmerlein das Angleichen zweier Musikstücke zu üben. Dazu muss kein komplettes Vinyl-Timecode-Setup aufgebaut sein. Pitchbare DJ-CD-Player oder auch DJ-Controller (mit Pitchfader und Jogwheel/Touchstrip) genügen vollkommen. Ziel ist es ja, ein Gefühl für die Musik zu erhalten, sodass im Fall der Fälle routiniert in das Digital-Mixing eingegriffen werden kann und man nicht während des holperndem, taktversetzem Übergangs hochrot den Fader schnell nach unten reißen muss.

Manchmal möchte man auch einfach nicht sein digitales Equipment mitschleppen; sei es aus Gepäck- oder Sicherheitsgründen. Von plötzlich defekter eigener DJ-Technic mal ganz zu schweigen. Ein Packen gebrannter (Not-) CDs mit vorsortierten Tracks bietet sich – auch der Bequemlichkeit wegen – oft an. Spätestens da ist es von Vorteil, wenn man sich nicht allzu oft auf den Sync-Button verlassen hat, sondern das Einpitchen nach Gehör beherrscht (das man übrigens nie mehr verlernt).

Foto: sxc
Autor: Daniel
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