Enter Shikari und The Prodigy in Dresden

Herausragendes erwarte ich mal besser nicht. Mein worst case beinhaltet 1.) ewig langes Anstehen bei widrigsten Witterungsbedingungen, 2.) eine genervte Band, die 3.) eine Handvoll ihrer Top-Hits ins Publikum feuert und sich dann in den Feierabend verabschiedet. Tatsächlich sollte es anders aussehen.

1) Die Anfahrt ist eigentlich das Schlimmste am ganzen Abend. Pünktlich zur Abfahrt beginnt der Regen in Leipzig quantitativ im Vergleich zum Tagesmittel wieder zuzulegen. Dunkel, Nass, Berufsverkehr. „Invaders must die“ im Ohr hilft da auch nur ansatzweise, trägt aber dazu bei, sich auf das was kommen wird einzustimmen. Irgendwann finden wir uns dann aber vor der Messehalle in Dresden, zücken die Tickets und entern die zu den Zeitpunkt noch sehr übersichtliche Halle.

Das Publikum sehr gemischt. Ich treffe dennoch bekannte Gesichter aus unterschiedlichsten Freundes- und Interessenkreisen. Auch die Altersspanne ist sehr groß. Vom Teenie bis zum älteren Ehepaar ist kein Geburtsjahr nicht vertreten. Musik bringt Menschen zusammen. Auf Konzerten wird mir das mehr als sonst so deutlich bewusst.

Ich betrachte die Bühne: gewaltige Boxenwände rechts und links dem Zentrum des Geschehens zugewandt, darüber eine Konstruktion, deren Gewicht ich mir nicht einmal ansatzweise zu erahnen wage. Zwischen Dutzenden Lichtquellen entdecke ich die charakteristische Ameise. Die Suche nach dem besten Platz beginnt. Die Zeit rückt an, die Halle füllt sich.

Enter Shikari sind als Vorband angekündigt. Seit ein paar Jahren haben sie auch in Deutschland durch das eine oder andere Festival zur Bekanntheit gefunden. Mittig vor der Bühne kristallisiert sich eine Fangemeinde aus, die sich schon heiß macht und bei den ersten Tönen der jungen Engländer ausrastet!

Mich bringen die ersten Töne erst einmal zum Schlucken. Die Anlage ist ungünstig eingestellt. Oder ich bin ungünstig positioniert. Es drückt einfach nur. Zumindest fühlt man den Bass. Den Sound von Enter Shikari würde ich zwischen Alec Empire und Linkin Park einordnen. Durch elektronische teilweise Trance-Klänge angereicherte Rockmusik, sehr vielschichtig. Gekrönt wird das Rhythmus- und Melodienspiel durch die über die Spielzeit überraschend stabile Stimme des Sängers, der nebenbei noch an Rechner und Keyboard agiert. Teilweise gibt’s zwei- bis dreistimmigen Gesang. Von den Stimmen war ich positiv überrascht! Toller Start! Man hätte den Jungs gern noch eine Stunde mehr gegönnt. Sie haben viel Spaß auf der Bühne und der Funke springt auch über.

Doch nun das, warum wir alle hier sind – The Prodigy! Die älteren Herren. Ich bin echt gespannt. Entweder wird’s schrecklich peinlich oder Bombe. Dunkelheit, Lichteffekte und die Jungs betreten ihren Spielplatz. Ab geht’s! Liam in einem Meer aus Technik in der Mitte, die Aufschrift auf einem frontalen Laptop bringt es auf den Punkt: „Take Me to the Hospital“, links daneben ein Berg aus Schlagwerk, davor der Auslauf für den Gitaristen und der Rest der Bühne gehört den beiden Tobsüchtigten.

2) Die Show auf der Bühne strotzt vor Energie. Keine Spur von Langeweile oder mangelnder Motivation. Ausgehend vom Herzen aus Liams Technikpark, verstärkt durch Schlagzeug und Gitarre, Gesang und Aktivität, überträgt sich die Kraft der Musik aufs Publikum. Dieses lebt seine Begeisterung exzessiv aus. Wer mitten drin ist, kommt da so schnell nicht mehr raus. Kleine Mädchen verfolgen mit glücklichen Augen die beiden Spaßmacher-Keiths und ergötzen sich mit dem Fangen deren angetrunkenen Wasserpacken, waschen sich „nie wieder“ wenn sie angespuckt werden oder gar den Zugriff auf verschwitze Hände oder Shirts erkämpfen. Andere sind der Musik wegen hier, wobei auch ich es beachtenswert finde, wie überzeugt und energiegeladen die beiden Frontmänner nach all den Jahren abgehen. Womit auch Punkt 3) des worst case abgearbeitet wäre.

Die Lichtshow ist überwältigend, den Highlights angepasst, ansonsten düster und blau. Ich stehe etwas abseits, habe dennoch einen guten Blick auf das Bühnengeschehen, beobachte die Energie, die Interaktion mit dem Publikum, lasse mich auf die Klassiker und neuen Titel ein und gebe der Musik die volle Kontrolle über Geist und Körper. Man hat den Eindruck, dass gerade die älteren Stücke erst jetzt bei der Jugend ankommen. The Prodigy sind eben ihrer Zeit voraus, wir gehen einfach mit.

Zeitlose, mitreißende Musik in angenehmer Atmosphäre. Gut, schwarze Schafe gibt’s immer. So konnte ich einer lokalen Tageszeitung entnehmen, dass um die 40 Geldbörsen ausgeräumt worden sein wollen. Aber auch diese Leute lernen irgendwann dazu. Auf Massenveranstaltungen sollte man immer vorsichtig sein, das ist keine neue Erkenntnis.

Nach dem Konzert ist die Nacht aber noch lange nicht vorbei. Während in der Messehalle unmittelbar im Anschluss an das Konzert die LKWs einfahren und die Bühe 1-2-3 zerlegt und eingetütet wird, steigt in Katy’s Garage die offizielle Aftershowparty. Also setzen wir über in die Neustadt. Ich bin aber schnell gesättigt von diesem grandiosen DJ, der so spektakulär einen Livemitschnitt an den anderen hängt – erbärmlich! Dann doch lieber ne kleine private Aftershowparty. Gestärkt und mit gefühlten 3l Kaffee intus geht’s wieder ab nach Leipzig. Diesmal sind die Straßen frei, kein Regen mehr und ich hab frei, bin glücklich – tolle Nacht, toller Tag! Der Zoo ruft – und ab.

>>> Offizielle Seite von Enter Shikari (Bildquelle)

>>> Video-Pool The Prodigy Live in Dresden 17.11.2009
>>> Offizielle Seite von The Prodigy (Bildquelle)
>>> Fanseite zur Band(Bildquelle)


Autor: Anne
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